Was hat der Kapitän der Costa Concordia mit der Finanzkrise zu tun?

Heute las ich im aktuellen Heft der Dokumentationsschrift der Katholischen Akademie in Bayern “zur debatte” die Dokumentation einer Rede Paul Kirchhofs vom 20. Oktober 2011, in der er seinen Entwurf für ein neues Steuersystem skizzierte. In dem Teil, in dem er auf die gegenwärtige Finanzkrise eingeht und dafür plädiert, eine Steuerstrukturreform nicht getrennt von der Finanzkrise zu diskutieren, benutzt er zum Schluss ein Bild, was vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Tage rund um die Costa Concordia natürlich aufhorchen lässt:

“Wenn allein das rechtliche Konstrukt zu einem Vorteil führt, Finanzmarkt und Steuergestaltungen zunehmend durch Griff in die Staatskasse Einkommen erzielen, aber nicht verdienen, die Intransparenz dieser Systeme die Gegenwehr eines wachen Rechtsbewusstseins lähmt, ist eine grundsätzliche Neubesinnung über die Rechtfertigung von Unternehmererfolg, Wirtschaftsfreiheit, freiheitlich definiertem Markt und Wettbewerb geboten. Wirtschaftliches Handeln meint immer Handeln auf eigene Rechnung, Einstehen für den Erfolg eigenen Tuns in Gewinn und Verlust. Steuerlicher Belastungsgrund ist stets der individuelle wirtschaftliche Erfolg, der Zuwachs an finanzieller Leistungsfähigkeit, von dem ein freiheitliches Verfassungssystem einen maßvollen Teil zur Finanzierung des Staates unausweichlich fordert. Hier liegt der Maßstab für eine gleichmäßige und maßvolle Steuerlast.

Die Bekämpfung der Finanzkrise und der Steuerkrise fordern also gleichermaßen eine Besinnung auf die Idee von Freiheit, individueller Selbstverantwortung und einer Zukunftsgarantie für beide Systeme. Wir müssen zurückkehren zum System der christlichen Seefahrt: Wenn der Kapitän sein Schiff auf Sand gesetzt hat, verlässt er als letzter das Schiff. Er riskiert durch übermäßige Risikofreude und Fehlleistungen Leib und Leben, steuert deshalb seine Schiffe behutsam und verlässlich durch die Weltmeere.”

Auch wenn Costa Concordia und Finanzkrise auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben und Kirchhof ja bei diesem Vergleich auch noch gar nichts von dem Schiffsunglück wissen konnte, stellte sich für mich die Frage:

Ist der Kapitän der Costa Concordia, der sein Schiff eben nicht als letzter verlassen hat, vielleicht nur ein Symptom für unsere, individualisierte, egozentrische Gesellschaft?

Der Kapitän hat sich genauso seiner Verantwortung entzogen, wie Mancher in der Wirtschafts und Finanzwelt, der lieber den Staat oder die Arbeitnehmer haften lässt, statt selbst die Verantwortung für Fehlentscheidungen zu übernehmen. Er hat sich aber genauso der Verantwortung nicht gestellt, wie Mancher, der schwarz arbeitet oder sich durch mehr oder weniger legale Steuertricks der Steuerzahlung entzieht und dazu seinen Beitrag für die Gesellschaft verweigert. Diese Reihe des sich nicht der Verantwortung stellen ließe sich wahrscheinlich ewig fortsetzen.

Sollte diese Beobachtung richtig sein, ist es daher nicht zu kurz gegriffen, mit dem Zeigefinger nur auf den Kapitän, den Hedge-Fonds-Manager, den Schwarzarbeiter und nicht zuletzt auf Christian Wulff zu zeigen? Oder müssen wir – wie schon die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft – unseren Blick vielmehr auf die moralischen Wurzeln unserer Gesellschaft richten und die Fragen stellen, die der (Finanz-)Markt nicht beantworten kann: Wie sieht es eigentlich mit den Wertegrundlagen unserer Gesellschaft aus? Wie sieht es mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft aus? Werden Werte wie Fairness und Ehrlichkeit in Gesellschaft, Familie und nicht zuletzt durch die Kirchen noch genügend vermittelt? Sind uns die Tugenden, die in der christlichen Seefahrt noch etwas galten, abhanden gekommen? Was stellen gesellschaftliche Institutionen einer zunehmenden Ich-Bezogenheit in der “Geiz-ist-Geil”-Gesellschaft eigentlich entgegen?

Fragen über Fragen, als kleiner Gedankenanstoß, über den auch ich noch weiter grübeln werde.

Die Rede von Prof. Kirchhof ist hier im Ganzen dokumentiert. Die auch sehr lesenswerte Replik des Münchner Sozialethikers Prof. Markus Vogt ist auf seiner Homepage hier abrufbar. Vogt unterstützt die Vorschläge des Steuerrechtlers Kirchhof grundsätzlich macht aber aus christlich, sozialethischer Sicht, den Vorschlag, die Steuerprogression beizubehalten.

Kleiner Nachtrag:
Nachdem ich diesen Artikel schrieb, stolperte ich zufällig über diesen Artikel im Blog von Kilian Martin, der sich mit dem Verhältnis von Staat und Kirche auseinandersetzt. Kilian geht  neben der Freiburger Rede Papst Benedikt XVI. auch auf eine Neujahrsrede Paul Kirchhofs beim Neujahrsempfang des Bistums Würzburg ein. Kirchhof beschreibt hier eindrücklich, dass der weltanschaulich neutrale Staat selbst Sinnfragen nicht beantworten könne. Daher bräuchte Religion und Kirche. “Der Staat regelt nur die äußere Ordnung”, so Kirchhof. Hier gibt es zusätzlich zu Kilians Blog eine Zusammenfassung der Rede auf den Seiten des Bistums Würzburg und hier die komplette Rede als Audio. Gerade vor dem Hintergrund der Fragen, die ich mir oben stellte, ist die Rede sehr, sehr hörenswert!

 

 

Kirchhof-Konzept jetzt umsetzen!

Im Deutschlandfunk-Interview begründet Paul Kirchhof seinen durchgerechneten Entwurf für ein neues Steuerrecht. Grandios!

Wenn die Union sich jetzt endlich wieder eine Vereinfachung des Steuersystems auf die Fahnen schreiben würde und dies endlich umsetzen und nicht (wie mindestens seit 1998) weiter verschleppen würde, wäre das ein richtiger und wichtiger Aufschlag, unser Land zukunftsfähig zu machen, Wachstumskräfte zu entfesseln und den Bürgern wieder einen Teil ihrer Freiheit zurückzugeben.

Also: Wer stellt den Antrag auf dem Bundesparteitag, den Kirchhof-Vorschlag umzusetzen?!