Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt – jetzt Tag 1 und 2

Am Freitag und Samstag (6./7. Januar 2011) hatte der Deutschlandfunk aus Anlaß seines 50-jährigen Gründungsjubiläums zu einer internationalen Medienkonferenz ins Kölner Funkhaus eingeladen. Es sollte keine große Feierstunde mit den hohen Repräsentanten des Staates werden – gleichwohl war Bundeskanzlerin Angela Merkel angefragt, wie DLF-Chefredakteur Stephan Detjen zum Schluss der Konferenz verriet. Stattdessen wollte der Deutschlandfunk also zusammen mit seinem Kooperationspartner, der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) eine „Standortbestimmung und Diskussion über den Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt“ vornehmen und der Frage nachgehen „wie Digitalisierung und Globalisierung Politik und politische Kommunikation verändern“, so Intendant Dr. Willi Steul und BpB-Präsident Thomas Krüger in den Tagungsunterlagen. Also weniger Lobeshymnen auf die Vergangenheit, als vielmehr Nachdenken über die Zukunft – gemeinsam mit Journalisten, Wissenschaftlern, Netzaktivisten und Hörern. Nachdem Frank Bergmann und Christian Scholz schon  Zusammenfassungen vorgelegt haben, will ich mich auch versuchen. , zunächst einmal mit einer Zusammenfassung über Tag 1. Ein Bericht über Tag 2 und über den Deutschlandfunk ansich ist noch in Planung.

Kurz gesagt: Es waren spannende und interessante 1 1/2 Tage und ich habe es nicht bereut, nach Köln gefahren zu sein. Und das, obwohl zugeben muss, dass ich nach der in den vergangenen Tagen  ziemlich hysterisch geführten Debatte um den Bundespräsidenten, die das Verhältnis von Politik und Medien ja mehr als nur am Rande berührt, gar keine Lust mehr auf diese Debatten hatte. Doch die aktuelle Debatte über den Bundespräsidenten blinzelte zwar während der Konferenz immer wieder auf, sie überlagerte die grundsätzlichen Diskussionen aber nicht. Kommen wir zu den Details:

Der Wandel des Politischen im Zeitalter der „Postdemokratie“
Ich war noch garnicht in Köln, da war ich schon mittendrin in der Konferenz, als ich die FAZ las: Frank Schirrmacher verwies in seinem FAZ-Leitartikel „Die Fiktion“ auf den Referenten der ersten Keynote, den britischen Soziologen und Politikwissenschaftler Colin Crouch.

Die Wulff-Affäre sei  ein weiteres Symptom jener von Crouch beschriebenen postdemokratischen Zustände, durch die neue Partizipationsbewegungen wie z.B. die Piraten entstehen würden, so Schirrmacher.

Christian Scholz hat den Vortrag von Crouch hier live mitgebloggt und zusammengefasst. Auf der Projekt-Homepage dlf50.org, auf der die Konferenz von Studenten der Hochschule Darmstadt cross-medial begleitet wurde, gibt es die Keynote von Crouch und die anschließende Diskussion als Audio-Mitschnitt. In der Diskussion  mit Colin Crouch, dem Historiker Paul Nolte, Staatsrechtler Franz Mayer, dem grünen Europaabgeordneten und ATTAC-Aktivisten Sven Giegold und Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy unter der Moderation von Stephan Detjen wurde indes auch deutlich, dass es keine klaren Antworten sondern eher ein „Kuddelmuddel“ gibt, wie Politik, Medien und Gesellschaft auf Globalisierung und Medienwandel reagieren können, um die Demokratie zu sichern. Ich habe bei allen fünf Diskussionsteilnehmern, selbst beim Grünen-MdEP, wichtige Fragen und richtige Antwortansätze gefunden, die ich für richtig halte. Daher hier mal ein paar davon als Auszüge aus meinen Live-Tweets:

 

Roland Tichy hatte seinen Einsatz bei der Diskussion mit einem Tweet vorbereitet:

Aus den – wie er sagte – etwa 80 Antworten, darunter auch eine von mir, leitete er ab, dass es in einer sich wandelnden Medienwelt, neben Twitter und Co. auch noch etablierte Medien wie den Deutschlandfunk geben würde und diese auch genutzt würden.

Sven Giegold hatte vorher dafür plädiert, dass sich die demokratischen Institutionen, wie Bundestag und Europäisches Parlament, die Entscheidungshoheit z.B. den Finanzmärkten gegenüber wieder erkämpfen müssten. Er hatte davon gesprochen, dass z.B. im Währungsausschuss des Europäischen Parlamentes, Vertreter der EZB oder der EU-Kommission nicht die Wahrheit sagen (könnten), weil dies sofort unüberschaubare Auswirkungen auf die Finanzmärkte hätte. Franz Mayer beschrieb, dass die Europäischen Verträge schon (viel konkreter als das Grundgesetz, demokratische Grundsätze niedergelegt seien und meinte damit wohl die Art. 9ff EUV.
Also: Viele Gute Ansätze, aber kein einheitlicher Lösungsentwurf, den es wohl auch nicht geben kann.

Nach der Mittagspause mit kurzem Tweetup ging es dann mitt dem eigentlichen Thema der Konferenz, dem Journalismus weiter.

Macht und Ohnmacht des politischen Journalismus
Das Panel begann mit der Keynote eines Schwergewichts. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach referierte aus seiner reichhaltigen Erfahrung auf Seiten der Politik und auf Seiten der Medien als Landesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der SPD in NRW, als Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder und schließlich als Verlagsmanager bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen. Wie zu erwarten war, verteidigte er den klassischen „Qualitätsjournalismus“, zu dessen Grundpfeilern er „Relevanz und Glaubwürdigkeit“ zählt. (Hier gibt es den Vortrag als PDF).
Über Glaubwürdigkeit und Relevanz diskutierten dann in der anschließenden vom ehemaligen DLF-Intendanten Ernst Elitz moderierten Diskussionsrunde neben Hombach auch FAZ-Redakteur Günter Bannas, dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner, SZ-Redakteurin Susanne Höll und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn. Sie verteidigten den klassischen Journalismus, der sich zwar ganz selbstverständlich neuer Medien wie Twitter und Facebook bedienen würde (wobei ich da bei Günter Bannas meine Zweifel habe), aber als Lotse für den Medienkonsumenten unverzichtbar sei. Einerseits kann ich dem Grundtenor der Diskussion durchaus recht geben, denn Menschen wie z.B. meine Mutter, die nicht im Netz „leben“, werden weiterhin klassische Journalisten als Lotsen benötigen, egal welches Medium sie nutzen werden. Auf der anderen Seite kann ich mich Christian Scholz durchaus anschließen. Denn es hatte wirklich etwas von journalistischem Hochmut, den die Runde an den Tag legte, wenn sie meinen „sie seien es auch, die überhaupt recherchieren und die Meinungsvielfalt sicherstellen.“ Grenzgänger wie Richard Gutjahr oder Thomas Knüwer, die sowohl die journalistische Seite kennen als auch vollkommen in die „neuen“ Medien eingetaucht sind , hätten der Runde sicher gut getan. Bemerkenswert an der Diskussion fand ich noch die Aussage von Jörg Schönenborn, der die Medien davor gewarnt hat, sich in der Affäre um Bundespräsident Wulff als Gewinner zu sehen. “Die Mehrheit nimmt die Berichterstattung inzwischen als unfaire Hetzjagd wahr”, sagte er.

Digital Public Value: Die multimediale Publizistik der BBC
Der nachfolgende Vortrag von Steve Herrmann, dem Online-Chef der BBC, war für mich ein Highlight des ersten Tages. Er zeigte ebenso eindrücklich wie anschaulich wie die cross-mediale Strategie der BBC als „Mutter aller öffentlich-rechtlichen Medienanstalten“ funktioniert. Janine Graf hatte diese Strategie in ihrem Herrmann-Porträt im Vorfeld der Veranstaltung hier schon einmal angerissen. Nicht zuletzt der Vortrag von Herrmann, der hoffentlich auch noch auf dlf50.org online gestellt wird, läßt mich die derzeitigen Einschränkungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Onlinebereich überdenken. Zwar bin ich weiterhin der Meinung, wie wir sie in der Jungen Union 2008 einmal beschlossen haben, dass sich öffentlich-rechtliche Angebote im Onlinebereich klar am öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag orientieren müssen. Jedoch müssen die öffentlich-rechtlichen Anbieter auch auf die völlig veränderten Nutzungsverhalten der Konsumenten, die Herrmann anschaulich aufgezeigt hat, reagieren können. Es ist halt eben häufig nicht mehr so und wird künftig noch weniger so sein, dass man sich die Tagesschau um 20:00 Uhr auf der Couch im Fernseher anschaut. Stattdessen schaut man sich vielleicht öfters mal die Kurzversion auf der Smartphone-App in der Straßenbahn an. Auch das so genannte Deplubizieren als das Löschen von Inhalten (meist nach 7 Tagen) erscheint mir heute ziemlich sinnfrei, weil somit hochwertige und von GEZ-Beiträgen bezahlte Inhalte quasi unzugänglich gemacht werden. Hier wird die Medienpolitik der Staatskanzleien in den nächsten Jahren gefordert sein.

Zum Schluß des ersten Tages gab es noch eine Keynote und eine Diskussion über „The public and its media. Der öffentliche Wert von Medien im digitalen Zeitalter„, die ich mir nicht mehr angehört habe.

Insgesamt war es ein sehr interessanter Tag mit vielen Denkanstößen. Ein Bericht über Tag 2 folgt noch. Außerdem wollte ich mich auch noch einmal mit dem Deutschlandfunk-Jubiläum beschäftigen.

Update (10.01.2012, 22:25 Uhr):
Da Florian Braun das Highlight von Tag 2, das so genannte Speedlab hier schon wunderbar beschrieben hat, habe ich mich entschieden, nicht noch einen weiteren Blogbeitrag zu Tag 2 zu schreiben, sondern hier einfach noch ein paar meiner Beobachtungen zu Tag 2 zu ergänzen. Das Speedlab war sicher ein Highlight der ganzen Veranstaltung. Man konnte innerhalb von vier je halbstündigen thematischen Einheiten jeweils in ein Thema reinschnuppern und innerhalb der Gruppe erste Diskussionen beginnen. Leider war das jeweilige Thema aber schon wieder vorbei, wenn man gerade „drin“ war. Eine Einheit bestritt Philipp Rizk (zusammen mit Tim Grieve), dessen Auftritt am ersten Tag ich oben noch unterschlagen hatte. Rizk ist Blogger und Filmemacher aus Kairo und war und ist ein Akteur der „Arabellion“ rund um den Tahir-Platz in Kairo.  Er relativierte die Rolle, die das Internet bei den, im Westen auch als „Facebookrevolution“ bezeichneten, Aufständen ein wenig. Außerdem sei die Revolution noch nicht vollendet. Das Militär sei viel Schlimmer als Mubarak. Es war wirklich beeindruckend jemanden direkt zu hören, der an der ägyptischen Revolution direkt beteiligt war.

Beim Fazit zum Speedlab kann ich mich Mark Dang-Anh anschließen, der twitterte:

Vorher gab es nach zwei absolvierten Einheiten des Speedlab schon ein Zwischenfazit von Florian Braun, vielen anderen und mir in Ton und Bild:

Speedlab “Digitale Demokratie – Neue Formen des Politischen, neue Medienformate” from kooperative-berlin on Vimeo.

Vor dem Speedlab hielt Tim Grieve, Chefredakteur des US-Newsdienstes POLITICOpro, eine Keynote zum Thema „Re-Think Journalism: Politik und digtale Medien“. Der Onlinedienst POLITICO besteht erst seit 5 Jahren und gehört laut Politik & Kommunikation zum „Pflichtprogramm eines jeden Politikexperten in Washington“. Den interessanten Vortrag von Tim Grieve, in dem er auch auf den aktuellen US-Wahlkampf und die Rolle der Medien eingeht, gibt es hier und hier gibt es die Audios von Keynote und Diskussion mit Tim Grieve, Steve Herrmann von der BBC, Arne Klempert, Consultant bei der Agentur Fleishman-Hillard und Mitglied im World-Board von Wikimedia und Paul Lewis, Editor vom Guardian unter der Moderation von Ralf Müller-Schmid von DRadio Wissen. In der Diskussion hat mich vor allem Paul Lewis vom Guardian beeindruckt. Lewis hat für seine Recherchen im Zusammenhang mit dem Tod eines Demonstranten bei den Londoner G-20-Protesten mehrere Journalistenpreise gewonnen. Zuletzt hat er vor allem zu den so genannten „London riots“ recherchiert und berichtet. Er beschrieb vor allem wie selbstverständlich er mittlerweile Twitter und Co. auch als Recherchekanal nutzt. Insgesamt hat mich dieses Panel darin bestätigt, wie sehr die USA und Großbritannien auch Vorbild für den Journalismus im Rest der Welt ist und, dass man dorthin schauen muss, um zu wissen, wie der Journalismus sich entwickeln wird. Kurzum: Politico und der Guardian sind jetzt in meinem RSS-Feed :-)

Nach dem Speedlab folgte noch eine Abschlußrunde auf dem Podium, bei dem aus dem Speedlab und den beiden anderen parallel zum Speedlab stattgefundenen Veranstaltungen  – DLF-Forum (hier ein Bericht von Heinrich Rudolf Bruns) und Diskussion zum Thema Nachrichtenjournalismus – berichtet wurde.

Schlußfazit
Konnte der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt im Rahmen der Konferenz lokalisiert werden? Ich würde sagen: Ja und Nein! Auf der einen Seite hat Willi Steul Recht, wenn er sagt: „Wir haben keine Antwort, wir befinden uns alle noch in einem Prozeß“. Auf der anderen Seite hat zumindest der Deutschlandfunk – nicht nur mit der Konferenz #DLF50, sondern auch mit Programmen wie DRadio Wissen –  bewiesen, dass er als politisches Qualitätsmedium im digitalen Medienzeitalter angekommen ist, was nicht heißt, dass es nicht  noch Entwicklungspotenzial gibt. Der Deutschlandfunk ist – im Gegensatz zu großen Teilen des privaten Journalismus Rundfunk, der interessanterweise auf der Konferenz überhaupt nicht vertreten war – ein Hort des Politischen in der (digitalen) Medienwelt. Die etablierte Politik, die bei der Konferenz außen vor war, ist zumindest per definitionem politisch. Ob sie schon in der digitalen Medienwelt angekommen ist, darf bezweifelt werden. Und die Netzgemeinde? Die ist zumindest schonmal digital und zu einem Teil (als Abbild der Gesamtgesellschaft) sicher auch politisch, aber noch nicht „etabliert“, was sich auch auf der Konferenz zeigte (Christian Scholz spricht von einem Graben). Vielleicht müssen sich alle drei Akteure, die (klassischen) Medien, die Politik und die Netzgemeinde auch noch weiter (gemeinsam) auf die Suche machen, nach dem Politischen in der digitalen Medienwelt. Eins ist sicher: Es ist alles im Fluß und die Entwicklung der digitalen Medienwelt bleibt spannend!

Weiterführende Links:
dlf50.org – Politik. Medien. Öffentlichkeit. Studenten der h_da zur Konferenz „50 Jahre Deutschlandfunk“
dlf.de – Überblicks-Seite zu 50 Jahren Deutschlandfunk (Hier gibt es auf einer Unterseite auch die Manuskripte und Materialien zur Konferenz.)
Twitter-Hashtag #dlf50 – Hier gibt es alle Tweets zur Konferenz, hier die getwtitterten Audio-Beiträge.
diskurs.dradio.de – das neue Debattenportal des Deutschlandradio, bei dem die Diskussionen der Konferenz weitergeführt werden soll (mehr dazu im Beitrag zu Tag 2)
Konferenz mit Nachhaltigkeitsversprechen – lesenswerte Zusammenfassung von Iris Seibel-Müller (@issis) von der BpB
50 Jahre Deutschlandfunk – eine kleine Lobhudelei! – mein Blogbeitrag zu 50 Jahre Deutschlandfunk