„16 Uhr: Hier ist der Deutschlandfunk auf Mittelwelle und Langwelle. Mit dieser Nachrichtensendung beginnt die gemeinnützige Anstalt des öffentlichen Rechts mit dem Namen Deutschlandfunk ihr Programm.“

Mit dieser Ansage zum Sendebeginn ging der Deutschlandfunk (DLF) am 1. Januar 1962 zum ersten Mal auf Sendung. Mein Lieblingsradio wird also 50. Grund genug, für eine kleine Lobhudelei!

Ja, auch ich höre hin und wieder diese privaten und öffentlich-rechtlichen Dudel-Radiosender mit Jingles, Comedies und mehr oder weniger witzigen Moderatoren. Wenn ich aber gut informiert sein will – und das ist meistens der Fall – höre ich den Deutschlandfunk.

Leider kann ich nicht mehr genau rekonstruieren, wann der Deutschlandfunk zu meinem Lieblingsradio wurde. Ich glaube aber, dass ich während eines Praktikumsaufenthalts in Berlin im September/Oktober 2001 begann, den Deutschlandfunk regelmäßig zu hören. Klar wusste ich als politisch-engagierter Mensch schon vorher, dass der Deutschlandfunk eines der Leitmedien in Deutschland war (und ist). Doch damals war das Programm im Münsterland über UKW noch nicht wirklich gut zu empfangen. In Berlin hatte man den DLF jedoch sehr schnell in guter Qualität auf dem Frequenzband seines Radioweckers eingestellt. So war ich – erst recht in den Tagen nach dem 11. September, in denen wohl nicht nur ich ein erhöhtes Bedürfnis nach Information hatte – schon morgens vor dem Aufstehen mit den neuesten Nachrichten, Interviews, Hintergründen sowie der täglichen Presseschau versorgt. Damals habe ich den Deutschlandfunk schätzen gelernt und seitdem bin ich dem Deutschlandfunk treu geblieben. Der Deutschlandfunk ist heute ein ständiger Begleiter durch meinen Tag.


Begleiter durch den Tag
Morgens
Seit 2001 beginnt bei mir also fast jeder Tag mit den Informationen am Morgen.
Werktags von 5 bis 9 Uhr  und samstags von 6 bis 10 Uhr laufen hier die wichtigsten Nachrichten, Berichte und Reportagen aus dem In- und Ausland sowie Interviews mit hochkarätigen Gesprächspartnern zu den Themen des Tages. Dazwischen gibt es dreimal (5:35 Uhr, 7:05 Uhr und 8:50 Uhr) eine Presseschau mit einem Überblick über die wichtigsten Kommentare aus deutschen Zeitungen, einen Verbrauchertipp (6:25 Uhr), eine christliche Morgenandacht (6:35 Uhr) sowie je zwei  Zusammenfassungen mit dem Wichtigsten von der Börse  (7:35 Uhr und 8:35 Uhr) und vom Sport (7:40 Uhr und 8:40 Uhr). Im Podium um 7:50 Uhr wird ein Thema noch einmal intensiv in Form einer Reportage beleuchtet.
Vormittags
Sollte ich noch zu Hause sein oder unterwegs die Möglichkeit haben, Radio zu hören, bleibt der Deutschlandfunk meist an. Nach den 9-Uhr-Nachrichten läuft mit dem Kalenderblatt ein historischer Rückblick auf ein Ereignis, welches sich am aktuellen Tag jährt. Um 9:05 Uhr folgen werktags mit Europa heute (9:10 Uhr) und Tag für Tag (9:35 Uhr) zwei Magazinsendungen mit interessanten Berichten aus Brüssel und den europäischen Nachbarländern sowie aus Religion und Gesellschaft. Hier und in Umwelt und Verbraucher um 11:35 Uhr werden Themen hintergründig aufbereitet, die es nicht unbedingt auf die Seite 1 der Tageszeitung schaffen würden. Das Journal am Vormittag von 10:10 Uhr bis 11:30, welches ich nicht mehr so häufig höre, kommt an jedem Tag aus einem anderen Themenbereich. Montags wird z.B. bei Kontrovers ein aktuelles politisches Thema behandelt, dienstags mit der Sprechstunde ein Gesundheitsthema und freitags mit der Lebenszeit ein generationenübergreifendes Thema. Gemeinsam haben die Sendungen, dass ein Moderator mit mehreren Gästen ein Thema diskutiert und dass Hörer sich per E-Mail oder Telefon-Call-In an den Diskussionen beteiligen oder Fragen stellen können.

Mittags
Nach den ausführlichen Mittagsnachrichten um 12:00 Uhr kommt von 12:10 Uhr bis 13:30 Uhr mit den Informationen am Mittag ein ähnliches Format wie morgens. Auch hier gibt es Interviews und Berichte zu aktuellen Themen. Um 12:50 Uhr gibt die Internationale Presseschau einen guten Überblick über Zeitungskommentare aus aller Welt. In der Wirtschaft am Mittag (13:30 Uhr) mit anschließender Wirtschaftspresseschau (13:55 Uhr) werden die wichtigsten wirtschaftlichen Themen des Tages aufbereitet. Um 14:10 Uhr laufen in Deutschland heute kurze Berichte und Reportagen aus den Bundesländern und im Hochschul- und Bildungsmagazin Campus & Karriere um 14:35 Uhr geht es vor allem um die Bildungspolitik.

Nachmittags
Nachmittags – eine Zeit zu der ich sehr wenig Radio höre – laufen mit Corso – Kultur nach 3, dem Büchermarkt, Forschung aktuell, Wirtschaft und Gesellschaft und Kultur heute vor allem kulturelle und wissenschaftliche Sendungen.

Abends
Nach dem Feierabend höre ich dann in die Informationen am Abend um 18:10 Uhr meist wieder rein. Analog zu den Informationssendungen am morgens und mittags gibt es hier kompakt das Wichtigste aus der Politik. Die Sendung schließt um 18:40 Uhr mit dem Hintergrund. Für mich ist dieser eine der besten Sendungen im Deutschlandfunk. In knapp 20 Minuten wird hier ein Tagesthema wirklich hintergründig und intensiv aufbereitet. Danach, von 19:00 Uhr bis 22:50 Uhr, höre ich auch sehr selten Radio und kann daher zu den Sendungen sehr wenig sagen. Interessant wird es für mich erst wieder um 22:50 Uhr mit der sportlichen Tageszusammenfassung Sport aktuell, den ausführlichen Nachrichten um 23:00 Uhr und dem Journal vor Mitternacht – Das war der Tag, in dem der Tag von den Journalisten des Deutschlandfunk – wieder mit Berichten, Reportagen und Interviews – noch einmal zusammengefasst wird. Die Sendung schließt mit einem ersten Blick in die Kommentarspalten des kommenden Tages. Um 23:57 Uhr beschließt der Deutschlandfunk mit der Nationalhymne  und seit 2007 auch mit der Europahymne den Tag.

So endet für mich der Tag meistens genauso, wie er begonnen hat: Im Bett, mit dem Deutschlandfunk in den Ohren. Natürlich höre ich nicht den ganzen Tag Radio und wenn ich Radio höre nicht den ganzen Tag Deutschlandfunk. Dennoch ist mir der Deutschlandfunk zu einem wichtigen Lotsen durch den Informationsdschungel geworden. Aber, warum?

Was gefällt mir am Deutschlandfunk so gut?
objektive, unabhängige und neutrale Journalisten
Der Deutschlandfunk lebt vor allem von seinen – wie ich finde – hervorragenden Journalisten. Da sind auf der einen Seite die Moderatoren, die fachkundig durch das Geschehen leiten und die die Interviewpartner auch mal etwas „härter“ rannehmen und nachhaken, wenn sich diese rauswinden. Ganz besonders hat mir dabei immer Elke Durak gefallen, die seit ein paar Jahren leider nur noch beim DLF-Schwestersender Deutschlandradio Kultur zu hören ist. Auf der anderen Seite sind da die Korrespondenten im In- und Ausland. Der Deutschlandfunk bzw. das Deutschlandradio, unter dessen Dach der Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und neuerdings auch DRadio Wissen betrieben werden, kann dabei auf das Korrespondentennetz der ARD zurückgreifen, hat aber auch eigene Korrespondenten. Das Berliner Hauptstadtstudio ist mit neun Korrespondenten bestückt, außerdem gibt es in den Hauptstädten der deutschen Bundesländer Landeskorrespondenten sowie in den wichtigen Hauptstädten der Welt eigene Auslandskorrespondenten. Die Korrespondenten sorgen mit ihren Hintergrundberichten und Schaltungen in die Informationssendungen dafür, dass man sich ein wirklich umfassendes Bild machen kann. Dabei hat man – anders als z.B. beim WDR – bei den allermeisten Journalisten das Gefühl, dass diese neutral, unabhängig und objektiv berichten. Auch die Interviewpartner werden meist ausgewogen ausgesucht. Das ist ein großes Pfund!

Faktor Zeit
Man merkt, dass man im Deutschlandfunk viel Zeit hat, Themen ausführlich zu behandeln. Anders als z.B. als auf WDR 2 muss ein Interview eben meist nicht nach 3 Minuten beendet sein, weil die nächste Musik oder der Werbeblock „wartet“, sondern kann durchaus mal 6 oder 7 Minuten dauern. Musik wird ohnehin nur in kurzen, „homöopathischen“ und instrumentalen Dosen als Überbrückung oder Denkpause zwischen zwei Wortbeiträgen angewandt. Die vielen verschiedenen Magazinsendungen bieten Platz, Themen relativ breit zu behandeln, die woanders gar nicht vorkommen würden. Im Hintergrund um 18:40 Uhr aber teilweise auch in den Features später am Abend bleibt viel Zeit, Themen differenziert aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Damit setzt sich der Deutschlandfunk wohltuend von anderen Sendern mit Informationsanspruch ab. Ein zweites großes Pfund!

Offen für Neues
Seitdem ich Deutschlandfunk höre – und wahrscheinlich schon viel länger – hat sich an dem Programmschema und an den einzelnen Sendungen nicht sehr viel geändert. Dennoch merkt man als intensiver Hörer, dass man offen für Neues und aufgeschlossen für die Meinungen der Hörer ist. Immer wieder werden in Sendungen vor allem im Journal am Vormittag die Hörer eingebunden. Leider ist es mittlerweile schon etwas länger her, als es einen ganzen „Hörertag“ gab, an dem sich u.a. auch der Intendant und der Programmdirektor den Fragen und Verbesserungsvorschlägen der Hörer gestellt haben. Selbst bei der Feier des Jubiläums war es den Verantwortlichen um Intendant Willi Steul offensichtlich wichtig, nicht nur einen Festakt durchzuführen, sondern auf einer Konferenz, über die ich hier schon berichtete, gemeinsam mit Journalisten, Wissenschaftlern, Hörern, Bloggern und anderen über die Zukunft der Medien im digitalen Zeitalter zu diskutieren.

Im Programm bzw. der Programmstruktur des Deutschlandfunk selbst gibt es zwar selten Revolutionen, aber immer wieder kleine Anpassungen. So gibt es seit kurzem freitags in der Sendung Deutschland heute ein neues Call-In zu einem Thema der Woche. Auch die Sendung Lebenszeit, eine Sendung, die vor allem die Folgen des demographischen Wandels und das Zusammenleben der Generationen thematisiert, ist so eine kleine Neuerung. Mit dem Abspielen der Europahymne zusätzlich zur Deutschlandhymne am Ende des Tages setzt der DLF seit 2007 einen wichtigen europapolitischen Akzent.

Eine kleine Revolution gab es beim Deutschlandradio vor einem Jahr dann doch. Mit DRadio Wissen ist am 18. Januar 2011 der neben Deutschlandradio Kultur jetzt zweite Schwestersender des Deutschlandfunks an den Start gegangen. DRadio Wissen ist ein innovativer Sender, der nur über das Internet verbreitet wird und vor allem junge Menschen ansprechen soll. Tagsüber werden im 15-Minutentakt verschiedene Themenbereiche behandelt. Über die Internetseite kann man sich aber auch sein ganz individuelles Programm zusammenstellen. Auch insgesamt ist die Internetpräsenz des Deutschlandradio sehr umfassend. Zwar sind die Seiten schlicht gehalten und ohne viel „Schnick-Schnack“, dennoch sind fast alle Beiträge sowohl als Text als auch als Audio abzurufen. Zu den meisten Sendungen gibt es einen Podcast-Kanal. Wohl auch gepusht durch DRadio Wissen sind Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk seit einigen Monaten auch bei Facebook, Twitter und Google+ präsent. Das Schöne dabei: Man belässt es nicht dabei, Beiträge einfach „rauszuschleudern“. Stattdessen sucht man den Dialog und antwortet individuell auf Fragen. Klasse!

Was kann noch besser werden?
Natürlich habe ich auch überlegt, was mir nicht so gut gefällt. Interessanterweise sind mir dazu zwei „Neuerungen“ eingefallen, die der Deutschlandfunk in den letzten Jahren ausprobiert hatte, dann aber leider wieder eingestellt hat. Von 2006 bis 2010 gab es den so genannten Lyrikkalender im Programm. Mitten im Programm wurde dabei mehrmals täglich ein Gedicht einfach so „eingestreut“. Ich fand es – wie Rheinzeitung-Chefredakteur Christian Lindner auch – einfach klasse, mitten im Programm für eine Minute einfach mal aus dem Alltag in eine kleine Gedichtwelt herausgerissen zu werden. Sehr schade, dass der Lyrikkalender am 31.12.2010 eingestellt wurde.

Eine weitere Neuerung, die leider wieder eingestellt wurde, war eine etwas andere Methode der Interviewführung. So wurde den Gesprächspartnern (und den Hörern) hin und wieder ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview mit einem anderen Interviewpartner zu dem gleichen Thema vorgespielt, mit der Bitte dazu Stellung zu nehmen. Damit standen die vielen Gespräche im Deutschlandfunk nicht nur jedes für sich, sondern es wurde ein diskursiveres Klima geschaffen. Es gab oft über mehrere Tage, so etwas wie eine „Diskussion“ über ein Thema im Deutschlandfunk. Das fand ich – im Gegensatz zu den auch schon ausprobierten Streitgesprächen mit zwei Gesprächspartnern zugleich, was im Radio nicht so wirklich funktioniert – sehr gut. Leider arbeiten die Moderatoren seit einiger Zeit nicht mehr mit diesen „Interviewschnipseln“. Heute stehen die Interviews wieder jedes für sich bzw. werden nur durch Kurzzusammenfassungen in Nachrichten oder am Ende der Informationssendungen durch Journalisten zu einem Gesamtbild zusammengefasst. Schade!

Zu guter Letzt würde ich mir noch wünschen, dass mehr von den Innovationen aus DRadio Wissen im Hauptprogramm ankämen. So spielen z.B. „Netzthemen“ bislang kaum eine Rolle. Vielleicht könnte man ja in die Informationssendungen neben der Presseschau auch eine kleine Netzschau einbauen. Neulich hörte ich zwar zum ersten Mal, dass in der Presseschau auch ein Kommentar von Spiegel Online zitiert wurde. Doch Spiegel Online ist nur ein „klassisches“ Medium, welches den Kanal Internet für seine Verbreitung nutzt. Das Netz als DAS Medium des 21. Jahrhunderts ist aber so viel breiter und vielfältiger. Es würde sich sicherlich lohnen, den Blick hier etwas zu weiten und nicht nur den Hörfunk ins Netz zu bringen, sondern das Netz auch mal mehr in den Hörfunk zu bringen.

Fazit
Der Deutschlandfunk ist zwar mit Sicherheit kein Organ der CDU, wie ein ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und jetziger Pirat, neulich mal über Twitter verlauten ließ. Der Deutschlandfunk ist aber von seiner Struktur her – nicht von seiner inhaltlichen Ausrichtung, das dürfte er auch gar nicht, – ein konservativer Sender. Konservativ, weil man nicht die Asche behütet, sondern das Feuer am brennen lässt. Man orientiert sich seit 50 Jahren klar an dem, was man kann: Informationen und Analysen aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft.  Gleichzeitig scheut man sich nicht vor Neuem.

Das finde ich gut!

Deshalb wünsche ich dem Deutschlandfunk, dass er auch in Zukunft auf seine Stärken setzt und dabei notwendige Neuerungen und Innovationen nicht aus dem Auge verliert. Dann wird er sicherlich auch in Zukunft einer meiner Lotsen durch den Informationstag bleiben.

Herzlichen Glückwunsch!

 

 

 

 

One Comment

Am Freitag und Samstag (6./7. Januar 2011) hatte der Deutschlandfunk aus Anlaß seines 50-jährigen Gründungsjubiläums zu einer internationalen Medienkonferenz ins Kölner Funkhaus eingeladen. Es sollte keine große Feierstunde mit den hohen Repräsentanten des Staates werden – gleichwohl war Bundeskanzlerin Angela Merkel angefragt, wie DLF-Chefredakteur Stephan Detjen zum Schluss der Konferenz verriet. Stattdessen wollte der Deutschlandfunk also zusammen mit seinem Kooperationspartner, der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) eine „Standortbestimmung und Diskussion über den Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt“ vornehmen und der Frage nachgehen „wie Digitalisierung und Globalisierung Politik und politische Kommunikation verändern“, so Intendant Dr. Willi Steul und BpB-Präsident Thomas Krüger in den Tagungsunterlagen. Also weniger Lobeshymnen auf die Vergangenheit, als vielmehr Nachdenken über die Zukunft – gemeinsam mit Journalisten, Wissenschaftlern, Netzaktivisten und Hörern. Nachdem Frank Bergmann und Christian Scholz schon  Zusammenfassungen vorgelegt haben, will ich mich auch versuchen. , zunächst einmal mit einer Zusammenfassung über Tag 1. Ein Bericht über Tag 2 und über den Deutschlandfunk ansich ist noch in Planung.

Kurz gesagt: Es waren spannende und interessante 1 1/2 Tage und ich habe es nicht bereut, nach Köln gefahren zu sein. Und das, obwohl zugeben muss, dass ich nach der in den vergangenen Tagen  ziemlich hysterisch geführten Debatte um den Bundespräsidenten, die das Verhältnis von Politik und Medien ja mehr als nur am Rande berührt, gar keine Lust mehr auf diese Debatten hatte. Doch die aktuelle Debatte über den Bundespräsidenten blinzelte zwar während der Konferenz immer wieder auf, sie überlagerte die grundsätzlichen Diskussionen aber nicht. Kommen wir zu den Details:

Der Wandel des Politischen im Zeitalter der „Postdemokratie“
Ich war noch garnicht in Köln, da war ich schon mittendrin in der Konferenz, als ich die FAZ las: Frank Schirrmacher verwies in seinem FAZ-Leitartikel „Die Fiktion“ auf den Referenten der ersten Keynote, den britischen Soziologen und Politikwissenschaftler Colin Crouch.

Die Wulff-Affäre sei  ein weiteres Symptom jener von Crouch beschriebenen postdemokratischen Zustände, durch die neue Partizipationsbewegungen wie z.B. die Piraten entstehen würden, so Schirrmacher.

Christian Scholz hat den Vortrag von Crouch hier live mitgebloggt und zusammengefasst. Auf der Projekt-Homepage dlf50.org, auf der die Konferenz von Studenten der Hochschule Darmstadt cross-medial begleitet wurde, gibt es die Keynote von Crouch und die anschließende Diskussion als Audio-Mitschnitt. In der Diskussion  mit Colin Crouch, dem Historiker Paul Nolte, Staatsrechtler Franz Mayer, dem grünen Europaabgeordneten und ATTAC-Aktivisten Sven Giegold und Wirtschaftswoche-Chefredakteur Roland Tichy unter der Moderation von Stephan Detjen wurde indes auch deutlich, dass es keine klaren Antworten sondern eher ein „Kuddelmuddel“ gibt, wie Politik, Medien und Gesellschaft auf Globalisierung und Medienwandel reagieren können, um die Demokratie zu sichern. Ich habe bei allen fünf Diskussionsteilnehmern, selbst beim Grünen-MdEP, wichtige Fragen und richtige Antwortansätze gefunden, die ich für richtig halte. Daher hier mal ein paar davon als Auszüge aus meinen Live-Tweets:

 

Roland Tichy hatte seinen Einsatz bei der Diskussion mit einem Tweet vorbereitet:

Aus den – wie er sagte – etwa 80 Antworten, darunter auch eine von mir, leitete er ab, dass es in einer sich wandelnden Medienwelt, neben Twitter und Co. auch noch etablierte Medien wie den Deutschlandfunk geben würde und diese auch genutzt würden.

Sven Giegold hatte vorher dafür plädiert, dass sich die demokratischen Institutionen, wie Bundestag und Europäisches Parlament, die Entscheidungshoheit z.B. den Finanzmärkten gegenüber wieder erkämpfen müssten. Er hatte davon gesprochen, dass z.B. im Währungsausschuss des Europäischen Parlamentes, Vertreter der EZB oder der EU-Kommission nicht die Wahrheit sagen (könnten), weil dies sofort unüberschaubare Auswirkungen auf die Finanzmärkte hätte. Franz Mayer beschrieb, dass die Europäischen Verträge schon (viel konkreter als das Grundgesetz, demokratische Grundsätze niedergelegt seien und meinte damit wohl die Art. 9ff EUV.
Also: Viele Gute Ansätze, aber kein einheitlicher Lösungsentwurf, den es wohl auch nicht geben kann.

Nach der Mittagspause mit kurzem Tweetup ging es dann mitt dem eigentlichen Thema der Konferenz, dem Journalismus weiter.

Macht und Ohnmacht des politischen Journalismus
Das Panel begann mit der Keynote eines Schwergewichts. WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach referierte aus seiner reichhaltigen Erfahrung auf Seiten der Politik und auf Seiten der Medien als Landesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der SPD in NRW, als Kanzleramtsminister unter Gerhard Schröder und schließlich als Verlagsmanager bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen. Wie zu erwarten war, verteidigte er den klassischen „Qualitätsjournalismus“, zu dessen Grundpfeilern er „Relevanz und Glaubwürdigkeit“ zählt. (Hier gibt es den Vortrag als PDF).
Über Glaubwürdigkeit und Relevanz diskutierten dann in der anschließenden vom ehemaligen DLF-Intendanten Ernst Elitz moderierten Diskussionsrunde neben Hombach auch FAZ-Redakteur Günter Bannas, dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner, SZ-Redakteurin Susanne Höll und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn. Sie verteidigten den klassischen Journalismus, der sich zwar ganz selbstverständlich neuer Medien wie Twitter und Facebook bedienen würde (wobei ich da bei Günter Bannas meine Zweifel habe), aber als Lotse für den Medienkonsumenten unverzichtbar sei. Einerseits kann ich dem Grundtenor der Diskussion durchaus recht geben, denn Menschen wie z.B. meine Mutter, die nicht im Netz „leben“, werden weiterhin klassische Journalisten als Lotsen benötigen, egal welches Medium sie nutzen werden. Auf der anderen Seite kann ich mich Christian Scholz durchaus anschließen. Denn es hatte wirklich etwas von journalistischem Hochmut, den die Runde an den Tag legte, wenn sie meinen „sie seien es auch, die überhaupt recherchieren und die Meinungsvielfalt sicherstellen.“ Grenzgänger wie Richard Gutjahr oder Thomas Knüwer, die sowohl die journalistische Seite kennen als auch vollkommen in die „neuen“ Medien eingetaucht sind , hätten der Runde sicher gut getan. Bemerkenswert an der Diskussion fand ich noch die Aussage von Jörg Schönenborn, der die Medien davor gewarnt hat, sich in der Affäre um Bundespräsident Wulff als Gewinner zu sehen. “Die Mehrheit nimmt die Berichterstattung inzwischen als unfaire Hetzjagd wahr”, sagte er.

Digital Public Value: Die multimediale Publizistik der BBC
Der nachfolgende Vortrag von Steve Herrmann, dem Online-Chef der BBC, war für mich ein Highlight des ersten Tages. Er zeigte ebenso eindrücklich wie anschaulich wie die cross-mediale Strategie der BBC als „Mutter aller öffentlich-rechtlichen Medienanstalten“ funktioniert. Janine Graf hatte diese Strategie in ihrem Herrmann-Porträt im Vorfeld der Veranstaltung hier schon einmal angerissen. Nicht zuletzt der Vortrag von Herrmann, der hoffentlich auch noch auf dlf50.org online gestellt wird, läßt mich die derzeitigen Einschränkungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Onlinebereich überdenken. Zwar bin ich weiterhin der Meinung, wie wir sie in der Jungen Union 2008 einmal beschlossen haben, dass sich öffentlich-rechtliche Angebote im Onlinebereich klar am öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag orientieren müssen. Jedoch müssen die öffentlich-rechtlichen Anbieter auch auf die völlig veränderten Nutzungsverhalten der Konsumenten, die Herrmann anschaulich aufgezeigt hat, reagieren können. Es ist halt eben häufig nicht mehr so und wird künftig noch weniger so sein, dass man sich die Tagesschau um 20:00 Uhr auf der Couch im Fernseher anschaut. Stattdessen schaut man sich vielleicht öfters mal die Kurzversion auf der Smartphone-App in der Straßenbahn an. Auch das so genannte Deplubizieren als das Löschen von Inhalten (meist nach 7 Tagen) erscheint mir heute ziemlich sinnfrei, weil somit hochwertige und von GEZ-Beiträgen bezahlte Inhalte quasi unzugänglich gemacht werden. Hier wird die Medienpolitik der Staatskanzleien in den nächsten Jahren gefordert sein.

Zum Schluß des ersten Tages gab es noch eine Keynote und eine Diskussion über „The public and its media. Der öffentliche Wert von Medien im digitalen Zeitalter„, die ich mir nicht mehr angehört habe.

Insgesamt war es ein sehr interessanter Tag mit vielen Denkanstößen. Ein Bericht über Tag 2 folgt noch. Außerdem wollte ich mich auch noch einmal mit dem Deutschlandfunk-Jubiläum beschäftigen.

Update (10.01.2012, 22:25 Uhr):
Da Florian Braun das Highlight von Tag 2, das so genannte Speedlab hier schon wunderbar beschrieben hat, habe ich mich entschieden, nicht noch einen weiteren Blogbeitrag zu Tag 2 zu schreiben, sondern hier einfach noch ein paar meiner Beobachtungen zu Tag 2 zu ergänzen. Das Speedlab war sicher ein Highlight der ganzen Veranstaltung. Man konnte innerhalb von vier je halbstündigen thematischen Einheiten jeweils in ein Thema reinschnuppern und innerhalb der Gruppe erste Diskussionen beginnen. Leider war das jeweilige Thema aber schon wieder vorbei, wenn man gerade „drin“ war. Eine Einheit bestritt Philipp Rizk (zusammen mit Tim Grieve), dessen Auftritt am ersten Tag ich oben noch unterschlagen hatte. Rizk ist Blogger und Filmemacher aus Kairo und war und ist ein Akteur der „Arabellion“ rund um den Tahir-Platz in Kairo.  Er relativierte die Rolle, die das Internet bei den, im Westen auch als „Facebookrevolution“ bezeichneten, Aufständen ein wenig. Außerdem sei die Revolution noch nicht vollendet. Das Militär sei viel Schlimmer als Mubarak. Es war wirklich beeindruckend jemanden direkt zu hören, der an der ägyptischen Revolution direkt beteiligt war.

Beim Fazit zum Speedlab kann ich mich Mark Dang-Anh anschließen, der twitterte:

Vorher gab es nach zwei absolvierten Einheiten des Speedlab schon ein Zwischenfazit von Florian Braun, vielen anderen und mir in Ton und Bild:

Speedlab “Digitale Demokratie – Neue Formen des Politischen, neue Medienformate” from kooperative-berlin on Vimeo.

Vor dem Speedlab hielt Tim Grieve, Chefredakteur des US-Newsdienstes POLITICOpro, eine Keynote zum Thema „Re-Think Journalism: Politik und digtale Medien“. Der Onlinedienst POLITICO besteht erst seit 5 Jahren und gehört laut Politik & Kommunikation zum „Pflichtprogramm eines jeden Politikexperten in Washington“. Den interessanten Vortrag von Tim Grieve, in dem er auch auf den aktuellen US-Wahlkampf und die Rolle der Medien eingeht, gibt es hier und hier gibt es die Audios von Keynote und Diskussion mit Tim Grieve, Steve Herrmann von der BBC, Arne Klempert, Consultant bei der Agentur Fleishman-Hillard und Mitglied im World-Board von Wikimedia und Paul Lewis, Editor vom Guardian unter der Moderation von Ralf Müller-Schmid von DRadio Wissen. In der Diskussion hat mich vor allem Paul Lewis vom Guardian beeindruckt. Lewis hat für seine Recherchen im Zusammenhang mit dem Tod eines Demonstranten bei den Londoner G-20-Protesten mehrere Journalistenpreise gewonnen. Zuletzt hat er vor allem zu den so genannten „London riots“ recherchiert und berichtet. Er beschrieb vor allem wie selbstverständlich er mittlerweile Twitter und Co. auch als Recherchekanal nutzt. Insgesamt hat mich dieses Panel darin bestätigt, wie sehr die USA und Großbritannien auch Vorbild für den Journalismus im Rest der Welt ist und, dass man dorthin schauen muss, um zu wissen, wie der Journalismus sich entwickeln wird. Kurzum: Politico und der Guardian sind jetzt in meinem RSS-Feed :-)

Nach dem Speedlab folgte noch eine Abschlußrunde auf dem Podium, bei dem aus dem Speedlab und den beiden anderen parallel zum Speedlab stattgefundenen Veranstaltungen  – DLF-Forum (hier ein Bericht von Heinrich Rudolf Bruns) und Diskussion zum Thema Nachrichtenjournalismus – berichtet wurde.

Schlußfazit
Konnte der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt im Rahmen der Konferenz lokalisiert werden? Ich würde sagen: Ja und Nein! Auf der einen Seite hat Willi Steul Recht, wenn er sagt: „Wir haben keine Antwort, wir befinden uns alle noch in einem Prozeß“. Auf der anderen Seite hat zumindest der Deutschlandfunk – nicht nur mit der Konferenz #DLF50, sondern auch mit Programmen wie DRadio Wissen –  bewiesen, dass er als politisches Qualitätsmedium im digitalen Medienzeitalter angekommen ist, was nicht heißt, dass es nicht  noch Entwicklungspotenzial gibt. Der Deutschlandfunk ist – im Gegensatz zu großen Teilen des privaten Journalismus Rundfunk, der interessanterweise auf der Konferenz überhaupt nicht vertreten war – ein Hort des Politischen in der (digitalen) Medienwelt. Die etablierte Politik, die bei der Konferenz außen vor war, ist zumindest per definitionem politisch. Ob sie schon in der digitalen Medienwelt angekommen ist, darf bezweifelt werden. Und die Netzgemeinde? Die ist zumindest schonmal digital und zu einem Teil (als Abbild der Gesamtgesellschaft) sicher auch politisch, aber noch nicht „etabliert“, was sich auch auf der Konferenz zeigte (Christian Scholz spricht von einem Graben). Vielleicht müssen sich alle drei Akteure, die (klassischen) Medien, die Politik und die Netzgemeinde auch noch weiter (gemeinsam) auf die Suche machen, nach dem Politischen in der digitalen Medienwelt. Eins ist sicher: Es ist alles im Fluß und die Entwicklung der digitalen Medienwelt bleibt spannend!

Weiterführende Links:
dlf50.org – Politik. Medien. Öffentlichkeit. Studenten der h_da zur Konferenz „50 Jahre Deutschlandfunk“
dlf.de – Überblicks-Seite zu 50 Jahren Deutschlandfunk (Hier gibt es auf einer Unterseite auch die Manuskripte und Materialien zur Konferenz.)
Twitter-Hashtag #dlf50 – Hier gibt es alle Tweets zur Konferenz, hier die getwtitterten Audio-Beiträge.
diskurs.dradio.de – das neue Debattenportal des Deutschlandradio, bei dem die Diskussionen der Konferenz weitergeführt werden soll (mehr dazu im Beitrag zu Tag 2)
Konferenz mit Nachhaltigkeitsversprechen – lesenswerte Zusammenfassung von Iris Seibel-Müller (@issis) von der BpB
50 Jahre Deutschlandfunk – eine kleine Lobhudelei! – mein Blogbeitrag zu 50 Jahre Deutschlandfunk

 

 

3 Comments

Heute morgen hörte ich zufällig in die zweite Folge des Deutschlandfunk-Essays „Journalismus in der Krise“ rein. Hörenswert!

Teil 1: „Medienschelten oder: Der Kampf um die Deutungshoheit“
von Sabine Pamperrien

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1423592/

Hier zum Hören:


 

Teil 2: „Online-Medien oder: Die Sklerotisierung der Öffentlichkeit“
von Reinhard Mohr

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1457635/

Hier zum Hören:


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In der Sendung Tag für Tag im Deutschlandfunk lief in den letzten Tagen ein interessantes Gespräch mit Prof. Matthias Kroeger über die Rolle der Religion bei der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg.

Ich fand die Reihe hörenswert, weil es auch um die Rolle der Religion in unserer heutigen Gesellschaft geht. Daher hier die Links zu den verschiedenen Teilen, die jeweils ca. 8 Min. lang sind.

Teil 1


Teil 2


Teil 3


Teil 4 – insbesondere zur heutigen Rolle des Islam (12 Min.)


 

Interessant im Zusammenhang „Staat und Religion“ ist übrigens auch ein aktueller Artikel von Dr. Andreas Püttmann bei The European:
Religion und Glück: Die wohltemperierte Gesellschaft

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