Tengelmann und die Raute oder warum meine Oma Unrecht hatte!

20. September 2013

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Da erdreistet sich doch heute tatsächlich der Lebensmittel(!)händler Tengelmann, eine Anzeige mit einer Wahlempfehlung zu schalten. „Im Zweifel für die Raute“ lautet das Motto, mit dem die Unternehmensgruppe, die sich im Eigentum der Familie Haub befindet, die Wiederwahl der Bundeskanzlerin Angela Merkel empfiehlt.

Kaum erschienen, ist das rot-grüne Empörungsbarometer wieder kurz vorm Platzen:

 

 

 

Die grüne Bundestagsabgeordnete Birgit Bender läßt sich sogar folgendermaßen zitieren:

„Das Ausmaß, in dem einzelne Wirtschaftsunternehmen und auch ganze Wirtschaftsverbände in den Bundestagswahlkampf eingreifen, hat eine neue Dimension erreicht.“

Ich musste dabei gleich an meine Oma (Gott, hab‘ sie selig!) denken: Wir hatten zu Hause ein kleines Lebensmittelgeschäft mit Bäckerei und sie sagte immer zu mir: „Junge, Du darfst Dich öffentlich nicht poltisch äußern. Das ist schlecht für’s Geschäft. Als Kaufmann muss man neutral sein.“ Ich – schon in jungen Jahren CDU durch und durch  – habe mich immer dagegen gewehrt. Ich wollte mir meine Meinung nicht verbieten lassen, nur weil die Frau von SPD-Mann Müller oder Gemeindedirektor Meyer (von der CDU), den ich aber politisch ganz schrecklich fand, auch bei uns einkaufen gingen. Natürlich hat das das eine oder andere Mal zu Wortgefechten mit meiner Oma bei der morgendlichen Zeitungslektüre oder beim abendlichen „heute“ schauen geführt. Am liebsten hätte es meine Oma – anders als mein Opa, der mich politisch sehr geprägt hat – daher wohl auch gesehen, dass ich mich nicht politisch engagiere und wenn sie sich durchgesetzt hätte, wäre ich heute nicht in der Unionsfamilie aktiv.

Doch: Wo kämen wir denn dahin, wenn wir bestimmte Gruppen vom politischen Diskurs ausschließen? Wenn man sich als Unternehmer nicht mehr politisch äußern darf? Gilt das Grundrecht auf Meinungsfreiheit nicht für den freien Unternehmer? Ich gehe davon aus, dass sich die Familie Haub, die hinter dem Unternehmen Tengelmann steht, ihre Wahlempfehlung gut überlegt hat. „Im Zweifel“, schreiben sie. Man ist sich also nicht hundertprozentig sicher. Dennoch wird man zu der Einsicht gelangt sein, dass z.B. die Steuererhöhungspläne von Rot-Grün dem Land und damit auch dem Unternehmen Tengelmann schaden würden. Ist es verwerflich, wenn man als Unternehmer eine Wahlempfehlung abgibt? Ich finde nicht! Ich finde es sogar gut, wenn man sich bekennt. Jedenfalls finde ich es besser als das Verstecken meiner Oma. Denn natürlich hat auch sie immer CDU gewählt. Aber sie hätte sich öffentlich nie dazu bekannt. Man könnte es fast Duckmäusertum nennen. Das finde ich schade. Denn der Politik fehlt etwas, wenn nicht alle Gruppen sich politisch bekennen können und dürfen. Politik lebt vonm persönlichen Bekenntnis! Deshalb ist es gut, wenn sich auch andere Prominente politisch bekennen.

Denn:

 

Fragwürdig finde ich, dass SPD und Grüne diese Bekenntnisse scheinbar nur hinterfragen, wenn sich Leute gegen Sie entscheiden oder wenn man das Bekenntnis des anderen vermeintlich politisch ausschlachten kann. Gegen Wahlempfehlungen von Gewerkschaften, gegen Bekenntnisse von Professoren und vermeintlichen Intellektuellen habe ich noch keinen Aufschrei von rot-grüner Seite wahrgenommen. Und Jürgen Trittin und Renate Künast stört sicherlich auch nicht, wenn – wie eine aktuelle Studie besagt – 26,9 Prozent der Politikjournalisten Grün wählen. Ich frage mich: Wer hat wohl einen größeren Einfluss: Unzählige grüne Politikjournalisten mit unzähligen Artikeln und Beiträgen, die deutschen Gewerkschaften mit immerhin noch 6 Millionen Mitgliedern oder ein Lebensmittelhändler mit einer Zeitungsanzeige?

3 Antworten zu “Tengelmann und die Raute oder warum meine Oma Unrecht hatte!”

  1. SoWhy sagt:

    Ich glaub wenn sich alle aus dem Wahlkampf raushalten würden – oder wir gar keinen solchen Wahlkampf hätten – würde das der Wahlbeteiligung nur gut tun.

  2. Sebastian sagt:

    Das Fam. Tengelmann Frau Merkel wählt ist OK.
    Das Sie das von mir aus in einer Anzeige publik macht, wenn Sie es auf sich beziehen, das wäre auch auch OK.
    Das für andere eine Wahlempfehlung ausgesprochen wird >> NICHT OK.

    Das hätte ja fast was von Zensur > Wer Geld hat kann seine Meinung vielen sagen (Das ist Manipulation über die Werbung) , wer keines hat, eben nur seinem Nachbarn. NENE Kinder ich bin auch Unternehmer (Marketing), aber das geht zu weit.

    Und mein Vorschlag an die Marketingabteilung bei Tengelmann, auch mal recherchieren und dann erst loslegen:

    Die Hand von Frau Merkel ist in anderen Ländern ein Symbol für das weibliche Geschlechtsteil!
    Italien: Figa http://deit.dict.cc/?s=figa

    Soll uns Männern das Kreuz nun sagen, wo wir ihn reinstecken sollen???

    Haha, immer wieder toll zusehen wie sowas auch nach hinten losgehen kann.
    Da haben die Jungs vom Marketing ja richtig ins (krause) Schwarze getroffen. :-)

  3. Katha sagt:

    Natürlich können, dürfen und vielleicht sogar sollen die Mitglieder der Familie Tengelmann wie die ‚vermeintlichen Intellektuellen‘ auch als Privatpersonen in üblichen und passenden Kontexten ihre Meinung äußern – Selbiges gilt m.E. für Omas hinter Ladentheken. Aber das ist doch recht offensichtlich etwas ganz anderes, als eigens eine Anzeige mit Wahlempfehlung zu schalten. Wahlkampf für bestimmte Parteien zu betreiben, hat mit einfacher Meinungsäußerung nichts mehr zu tun. Um’s mit der Oma zu erklären: Ihre Oma hätte ihre Wahlentscheidung nicht geheim halten müssen, aber wenn sie jedem mit der Brötchentüte gleich die Wahlempfehlung für die CDU überreicht hätte, empfände ich das als absolut unangemessen, egal, um welche Partei es geht. Diesbezüglich hat Ihre Oma Feingefühl bewiesen! Also bitte schalten Sie nicht Ihr eigenes Empörungsbarometer gegen berechtigte Kritik und achten Sie auf die Tragfähigkeit Ihrer Vergleiche. Deshalb noch einmal dezidiert zu den Gewerkschaften, die einzigen Nicht-Einzelpersonen in Ihrer Aufzählung: Gewerkschaften sind politisch aktiv für einen Teil der Bevölkerung in diesem Land und neben der Sozialdemokratie als politische Bewegung entstanden – dass diese eine historische Bindung an bestimmte Parteiströmungen und auch eine entsprechende Klientel haben, ist selbstverständlich. Das sieht bei einem Lebensmittelgroßhandel aber ganz anders aus.

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