Wir stehen in der Verantwortung!

Zum Geburtstag bekam ich das Buch „Mein Großvater im Krieg 1939-1945. Erinnerung und Fakten im Vergleich.“ geschenkt. Es ist aus der Magisterarbeit des Geschichtsstudenten Moritz Pfeiffer entstanden, welcher die Geschichte seines Großvaters im Zweiten Weltkrieg erforscht hat. Anhand von Interviews mit seinem Großvater, Familien- und Archivquellen versucht er die Familiengeschichte zwischen 1939 und 1945 nachzuzeichnen und Erinnerung und historische Fakten mit einander abzugleichen. Ein äußerst spannendes Buch, welches anregt, sich auch mit der Geschichte der eigenen Familie noch einmal auseinanderzusetzen.

Zwei Abschnitte aus der Schlussbetrachtung Moritz Pfeiffers haben mich besonders angesprochen. Da ich sie für wichtig halte, seien sie im Folgenden zitiert:

„Oft wird heute darüber gesprochen, wie sich die heutige Generation verhalten würde, wenn sie damals gelebt und vor den Problemen ihrer Großväter oder Väter gestanden hätte. (…) Aber trägt dies wirklich zu einem Erkenntnisgewinn bei? Niemand weiß und kann sagen, was er oder sie getan hätte, wären sie in den Jahren 1918 oder 1920 zur Welt gekommen. Niemand weiß und kann sagen, welcher sozialen Schicht man angehört hätte, ob man Täter, Mitläufer oder Opfer geworden wäre. Nicht einmal, wie man ausgesehen hätte, lässt sich sagen. Offensichtlich wird mit einer solchen Frage nichts weiter als ein Gedankenspiel in den Raum gestellt, das mit der Realität nicht das geringste zu tun hat. Soll, indem die jüngere Generation eine spekulative Eventual-Schuld auf sich nimmt, die Schuld der Täter-, Mittäter- und Mitläufergeneration entlastet werden? Zielt nicht auch die Warnung, die Nachgeborenen hätten kein Recht zu behaupten, „besser“ und „moralischer“ gehandelt zu haben, ebenfalls darauf ab, die Schuld der Eltern und Großeltern zu vermindern?

Ich kann nicht so tun, als sei der Holocaust nicht geschehen. Allein das Wissen um die Opfer und was ihnen angetan worden ist, legt mir eine besondere Verantwortung im hier und jetzt auf, nämlich aus der Vergangenheit zu lernen und Menschen, wenn sie aus rassistischen oder anderen zweifelhaften Gründen verfolgt werden, beizustehen und ihnen zu helfen. Nähme ich diese Haltung nicht ein, stünde ich in derselben Gefahr, in der sich meine Großeltern befunden haben. Damit überhebe ich mich keineswegs über sie, sondern stelle für mich klar, dass ihr Handeln im Dritten Reich für mich heute keine Geltung hat. Das Bekenntnis zum demokratisch verfassten Rechtsstaat schließt ohnehin ein, der wo immer begangenen Verletzung von Menschenrechten entgegenzuwirken.“ (Moritz Pfeiffer: Mein Großvater im Krieg 1939-1945. Erinnerung und Fakten im Vergleich. Bremen 2012. S. 174.)

 

Rezension bei Welt Online vom 14. Juli 2012

 

 

Veröffentlicht von

Henrik Bröckelmann

Politik, News, Europa, Internet, iPhone 4, Single, JU(-Bundesvorstand), Kreis Coesfeld, CDU, Münster(-land), Studium, Nottuln, schwul, (neo)liberal, Netzpolitik, Deutschland, konservativ, Medien, Berlin, Freiheit, Philosophie, Katholik, Christentum, Demokratie, Ordnungspolitik, Junge Union, Westfalen u.v.m.

Kommentar verfassen