Es ist ein Kreuz: Sozis, Christdemokraten und das „C“

4. Dezember 2011

Fast unter ferner liefen berichtet domradio.de heute über einen ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt des SPD-Bundesparteitages in Berlin: Gerade einmal 70 Genossen seien da am Vorabend des Parteitages in der Kreuzberger Lukaskirche zusammengekommen, um vor dem dreitägigen Parteitag gemeinsam Gottesdienst zu feiern und die Predigten des evangelischen Bischofs Markus Dröge und seines katholischen Amtskollegen Erzbischof Rainer Maria Woelki zu hören. Mit dabei: Parteivorsitzender Sigmar Gabriel, Generalsekretärin und bekennende Katholikin Andrea Nahles, die stellvertretende Parteichefin Manuela Schwesig sowie Schatzmeisterin Barbara Hendricks. Mehrfach sei die Feier und die Ansprachen der beiden Bischöfe von mehr oder weniger wirren Zwischenrufen gestört worden, berichtet Domradio weiter. Da ich nicht weiß, von wem diese Zwischenrufe kamen und gleichzeitig darum weiß, dass Gottesdienste – zumal mit prominenten Zelebranten und Besuchern – manchmal wirklich „wirre“ Menschen anziehen, möchte ich das mal so stehen lassen und nicht mit der SPD in Verbindung bringen.

Gleichwohl bringt mich diese Meldung zum Nachdenken. Es kommt sicher nicht auf Teilnehmerzahlen bei Parteitagsgottesdiensten an, wie man eine Partei nach christlichen Maßstäben zu beurteilen hat. Doch: Dass die SPD auf der einen Seite eine Rekord-Teilnehmerzahl von 7.000 Menschen beim SPD-Parteitag vermeldet, auf der anderen Seite aber offensichtlich nur ein Prozent dieser Teilnehmer die Zeit und die Muße findet, am Vorabend des Parteitages an diesem „Auftaktgottesdienst“ teilzunehmen, finde ich zumindest bemerkenswert. Klar wird jetzt jeder sagen: Die SPD ist halt – anders als die CDU – keine Partei, die sich auf christliche Wurzeln beruft. Das stimmt. Aber ist die SPD nicht auch die Partei von bekennenden Christen wie Johannes Rau, Georg Leber, Gustav Heinemann, Wolfgang Thierse, Andrea Nahles, Erhard Eppler, Reinhard Höppner und Henning Scherf? Haben etwa die vor einem Jahr gegründeten laizistischen Sozis, die sich für eine strenge Trennung von Religion und Politik aussprechen, gleichwohl aber von der Parteiführung nicht anerkannt sind, die Überhand gewonnen? Ich will nicht weiter in der sozialdemokratischen Parteiseele rumforschen, denn da kenn ich mich nun wirklich nicht aus.

Das Beispiel des „SPD-Gottesdienstes“ zeigt aber mit welch‘ unterschiedlichen Ansprüchen CDU und SPD gemessen werden. Während Erzbischof Woelki lt. Domradio vor den 70 versprengten SPD-Genossen in der Berliner Lukaskirche „ausdrücklich das Engagement der Sozialdemokratie für Gerechtigkeit und ihr Eintreten gegen Missstände“ würdigt, muss sich die CDU nicht nur vor kirchenfernen Kritikern von außen, sondern auch vor dem Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und sogar vor parteiinternen Kritikern, etwa vom AEK, immer wieder für ihren christlichen Anspruch rechtfertigen – und das trotz (oder gerade wegen?) Parteitagsgottesdiensten, die meist aus allen Nähten platzen.

Auf der einen Seite finde ich dies sehr schade: Nicht nur die vollen Gottesdienste bei CDU-Bundesparteitagen, JU-Deutschlandtagen und JU-NRW-Tagen stehen doch beispielhaft dafür, dass sich gerade in CDU/CSU und JU viele tausend Menschen aus christlichem Antrieb für eine menschenwürdige Welt einsetzen. Gerne erinnere ich mich an bewegende Gottesdienste z.B. anlässlich des Bundesparteitages in der Dresdner Frauenkirche, anlässlich des JU-Deutschlandtages im vollbesetzten Münsteraner Dom oder an die Andacht mit Kardinal Meisner anlässlich des JU-NRW-Tages 2005 in Köln. Dieses „Zur-Ruhe-Kommen“ vor Gott, zusammen mit vielen Parteifreunden, war für mich persönlich immer eine eindringliche Stärkung im Glauben und Motivation für das politische Engagement eben aus diesem christlichen Glauben heraus. Es hat mir gezeigt, dass ich mit meinen Motiven für das politische Engagement nicht alleine bin.

Dass auch die allermeisten Mitglieder der Führungsspitze unserer Partei, aus christlichem Anspruch Politik machen, zeigt auch die aktuelle Broschüre der CDU Deutschlands, in welcher die Mitglieder des CDU-Bundesvorstandes beschreiben, was das „C“ für sie und ihr politisches Handeln bedeutet. Hätten nicht all diese vielen Unionsanhänger – bei allem notwendigen Ringen darum, was das „C“ dann in der praktischen Politik bedeutet –, öfters mal ein Wort der Ermutigung von bedeutenden Vertretern (ihrer) christlichen Kirchen verdient? Ich meine: Ja!
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Auf der anderen Seite muss sich natürlich eine Partei, die sich mit dem Etikett „C“ schmückt, ständig hinterfragen lassen und auch selbst hinterfragen, ob das Etikett noch mit dem Inhalt übereinstimmt. Dieses Hinterfragen, dieses ständige Reiben ist wichtig und richtig! Auch – oder gerade –, weil wir als C-Parteien nicht immer das eins zu eins in konkrete Politik umsetzen können, was die christlichen Kirchen uns vorgeben, ist es wichtig, dass wir das „C“ im Parteinamen haben.

Das „C“ ist für die allermeisten in der Union Anspruch und Verpflichtung zugleich. Das ist auch der Unterschied zur SPD. Für die SPD ist es eher Zufall, wenn Ergebnisse ihrer Politik mit der christlichen Position übereinstimmen. Doch wenn wir als Christdemokraten und Christsoziale Politik machen, kann man in aller Regel sicher sein, dass wir diese am christlichen Menschenbild, an Personalität, Freiheit, Solidarität, Subsidiarität und Gerechtigkeit ausgerichtet und abgewogen haben. Das gilt auch wenn die Ergebnisse nicht immer mit der kirchlichen Lehre übereinstimmen.

Als politische Partei müssen wir auf der Grundlage dieses Menschenbildes immer wieder offen und fair, innerparteilich und gesamtgesellschaftlich darum ringen, wie wir dem „C“ auch in der konkreten Politik Geltung verschaffen. Die Diskussion über die Präimplantationsdiagnostik auf dem Bundesparteitag 2010 war – anders als die (auf dem Parteitag quasi nicht geführte) Diskussion über Mindestlöhne vor und auf dem Bundesparteitag 2011 – sicherlich ein gutes Beispiel  für eine solche Debatte. Das sage ich auch wenn ich mir ein noch deutlicheres Signal des Parteitages gegen das PID-Verbot und auch im Deutschen Bundestag eine Entscheidung gegen die PID gewünscht hätte.

Sicher macht die zunehmende Säkularisierung unserer Gesellschaft auch vor den Unionsparteien nicht halt. Hier könnten sich christliche Kirchen und CDU/CSU durchaus als Verbündete verstehen, mit dem Ziel, gemeinsam, wieder mehr Menschen von der Faszination und der immerwährenden Geltung des christlichen Menschenbildes zu überzeugen.

Insofern ist es gut, dass wir uns als Christdemokraten – anders als die Sozialdemokraten – immer wieder für unser „C“ rechtfertigen müssen, vor den Menschen, vor den Bischöfen, vor den Parteifreunden und letztlich vor Gott.

 

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Update (7.12.2011): Bei domradio.de gibt es heute einen Bericht über die Kirchen auf den vergangenen Parteitagen: „Entern und Schmusen“

 

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